Idlib- Der Abzug von Terroristen aus der “entmilitarisierten Zone” gestaltet sich kompliziert

In zehn Tagen soll im Nordwesten Syriens ringsum das Gouvernement Idlib die von den jeweiligen Staatsführern der Türkei und Russland beschlossene entmilitarisierte Zone in Kraft treten.

Seit dem Bekanntwerden des Plans, der beinhaltet das alle in der besagten Zone stationierten Terroristen-Kollektive samt schweren Waffen bis zum 20.Oktober abgezogen sein müssen, ist wenig an die Öffentlichkeit gedrungen was den Anschein erwecken würde, das die besagte Zone bis dahin realisiert wird.

Erwartungsgemäß befürworteten die von Ankara gestützten Dschihadisten-Fraktionen die von dem türkischem Präsidenten, Recep Tayyip Erdogan, und seinem russischen Amtskollegen Vladimir Putin ins Leben gerufene Vereinbarung.

Hingegen waren die Hayat Tahrir al-Sham (HTS, Al-Nusra, Al-Qaida) und ihre regionalen Ausgeburten nicht so sehr angetan von dem Abzug aus der Provinz Idlibs. Die zwei ehemaligen Weggefährten und derzeitigen Hauptrivalen der HTS, die Ahrar al-Sham und die Noureddin al-Zenki Bewegung haben sich der türkisch gestützten Nationalen Befreiungsfront (NLF) angeschlossen, womit bestätigt wurde das die beiden Al-Qaida-Ableger schon seit geraumer Zeit unter der Kontrolle von Ankara stehen.

Mit der HTS verhält es sich ähnlich, diese besteht jedoch noch auf ihre “Unabhängigkeit” und zeigt sich nicht gewillt sich direkt unter türkisches Kommando stellen zu lassen. Hingegen deuten einige Nachrichten darauf hin, das sich die HTS hinsichtlich des Abzuges aus der entmilitarisierten Zone erkenntlich zeigen wird.

Wie das Verhindern eines Angriffes durch die Horas al-Din, die angeblich vor hatte eine Stellung der syrischen Armee in Nord-Lattakia zu attackieren. Die HTS und die Freie Syrische Armee hätten die Horas al-Din daran gehindert die SAA anzugreifen, um das Abkommen nicht zu gefährden, wie das Nachrichtenportal Southfront mitteilte.

In den Rängen der Terroristen-Gruppierungen sei es angesichts des gespaltenen Kaders zu Spannungen gekommen, hieß es. Gegner des Erdogan-Putin-Plans aus den Reihen der Horas al-Din, würden derweil offen ihre Rivalität aussprechen und sollen die HTS als “Beschützer” des Abkommens bezeichnet haben, so das Portal.

Indes berichtete die iranische Nachrichtenagentur FARS-News unter Verweis auf die arabische Tageszeitung Al-Watan, das sich die HTS und die türkische Armee angesichts der Umsetzung der türkisch-russischen Vereinbarung nicht einig geworden seien.

Das Blatt zitierte Quellen aus den Reihen der Terroristen, die berichteten das die HTS die Kontrolle über strategische Kreuzungen diverser Bundesstraßen beibehalten wolle. Von der M5 Bundestrasse, welche Aleppo mit Hama verbindet, und der M4 Bundestrasse die Aleppo mit Latakia verbindet, war in dem Bericht die Rede.

Dies sei jedoch von dem türkischen Nachrichtendienst verweigert worden, da die von der HTS spezifizierten Kreuzungen zwischen Gebieten lokalisiert seien die von der syrischen Armee kontrolliert, und von Terroristen in Idlib besetzt gehalten werden.

Ankara soll erwidert haben das es beabsichtige die strategischen Kreuzungen im Westen Aleppos und Nordwesten Hamas, von der NLF besetzen zu lassen, so Al-Watan.

Sollten die HTS und die Türkei bezüglich der Kreuzungen zu einer Übereinkunft kommen, dann werde sich die Terror-Organisation aus der entmilitarisierten Zone zurückziehen, so das Blatt.

Inzwischen soll der türkische Geheimdienst alle in Idlib operierenden militanten Dschihadisten-Fraktionen dazu aufgefordert haben eine komplette Bestandsaufnahme ihrer Waffen und die Anzahl ihrer Kämpfer zu übermitteln. Souhtfront berief sich diesbezüglich auf eine Quelle die dem hinzufügte das die HTS nicht davon ausgenommen sei.

Während die türkisch gestützten FSA-Gruppierungen voll und ganz hinter dem Abkommen stehen würden, sei bisher nicht bekannt ob sich die Hayat Tahrir al-Sham für den russisch-türkischen Plan aussprechen werde. Sollte die HTS das Gesuch der Türkei zurückweisen, sei es wahrscheinlich das das Abkommen kollabiert und eine militärische Lösung wieder in den Vordergrund gestellt würde, so das Portal.

Das das Ultimatum bis zum 15.Oktober ein wenig blauäugig gewesen ist, legt die desaströse Sicherheitslage in Idlib nahe. Neben einer grassierenden Anschlagswelle auf Terroristen-Kommandeure diverser Kollektive, fallen die HTS und rivalisierende Abtrünnige ( Ahrar al-Sham, Noureddin al-Zenki) in verschiedenen Ortschaften des Gouvernements übereinander her.

Wie die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) mitteilte, seien Einheiten der HTS und NLF gewaltsam in der westlichen Provinz von Aleppo zusammengestoßen.

Die Konstellation der NLF, die in ihren Rängen terroristische Formationen wie die Ahrar al-Sham und die Noureddin al-Zenki eingegliedert hat, macht eine zukünftige Aufnahme der HTS unwahrscheinlich.

Vor allem da die Blutfehde zwischen der HTS und den benannten Mitgliedern der NLF eine alte Geschichte ist und nie wirklich Einigkeit unter den Waffenbrüdern bestand. Am 6.Oktober nur einen Tag nach den Zusammenstößen in West-Aleppo, soll die HTS abermals Stellungen der rivalisierenden Noureddin al-Zenki angegriffen haben, um ihren Machtbereich in der Region zu expandieren, wie Southfront vermeldete.

Inmitten dieser Eskalation hieß es in einem Bericht von Reuters das zwei FSA-Kommandeure gegenüber der Nachrichtenagentur geäußert hätten, das ihre Fraktionen bereits damit begonnen haben sollen die schweren Waffen aus der “entmilitarisierten Zone” abzuziehen.

Laut Southfront enthüllte das oppositionelle online-Portal Enab Baladi, das die beiden Gruppierungen die sich zu dem Abzug bereit erklärt hätten, die Freie Idlib Armee und Faylaq al-Sham seien. Beide Fraktionen gehören zur türkisch gestützten Nationalen Befreiungsfront (NLF).

Unter Berufung auf eine in Idlib ansässige Quelle ließ das oppositionelle Portal verlauten, das die Hayat Tahrir al-Sham dem Rückzug aus der Zone ebenfalls zugestimmt habe, dies jedoch nicht öffentlich gemacht habe da es hinsichtlich der Zustimmung zum türkisch-russischen Plan “interne Meinungsverschiedenheiten” gäbe, so die Quelle.

Das oben dargelegte hin und her legt eindeutig dar wie zerfahren die Situation in Idlib eigentlich ist. Die derzeitigen Bemühungen Ankaras diverse konfrontierende Al-Qaida Ableger zu vereinen um zunächst eine fragliche Zone zu etablieren, wird das terroristische Problem im Nordwesten Syriens nicht beseitigen. Der geographische Gürtel wird lediglich enger geschnallt.

Man hat das Gefühl das Ankara und Moskau angesichts der Vorgehensweise in Syrien immer noch grundverschiedene Einstellungen haben. Während der russische Außenminister, Sergei Lawrow, das Idlib-Abkommen jüngst als “Zwischenschritt” bezeichnete, und die Ausrottung von Terrorismus hervorhob, verkündete der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdogan, Syrien so lange besetzen zu wollen bis sich ein politischer Ausgang nach seinem Gusto vollzieht, sprich Baschar al-Assad nicht mehr an der Macht ist.

Mit anderen Worten Ankara will die nördlichen besetzten Gebiete annektieren. Demnach ist die entmilitarisierte Zone im Umkreis von Idlib für die Türkei ein Mittel um der angestrebten Einverleibung der syrischen Landesteile Vorschub zu leisten. Bis zum 20.Oktober soll die vermeintliche Zone “entmilitarisiert” sein, damit zeitnah russisch-türkische Patrouillen von Staaten gehen können. Bleibt abzuwarten wie sich die Dinge in den kommenden Tagen entwickeln werden, und ob es zu einem reibungslosen Übergang kommen wird.

Verf.R.R.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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