Russischer Rückzug aus Charkiw bereits vor „Gegenoffensive“ eingeleitet. General Schlamm und General Winter stehen in den Startlöchern. Verteidigungslinien neu gezogen. Jetzt kommt es auf die Logistik an. (Op-Ed)

In Deutschland wittert so mancher Blindfisch hinter der taktischen Gebietsabtretung der Russen in Charkiw einen markanten Wendepunkt, dessen finaler Sequenz ein mythologisches Heldenepos vorschwebt. Kurzum die Ukrainer würden zeitnah alle verlorenen Gebiete zurückerobern. Gleich morgen. Oder bestimmt Übermorgen.

Seit Anbruch der Biosicherheits-Ära, ist die deutsche Suszeptibilität für Propaganda nicht mehr von der Hand zu weisen. Was der Mainstream auftischt, wird fraglos weggeatmet. Mit der Geschwindigkeit einer Ricarda Lang.

Im deutschsprachigen Raum, sind die wenigsten Nachrichtenkonsumenten der englischen Sprache mächtig. Dementsprechend ist der Horizont sehr streng begrenzt. Um es gelinde auszudrücken. Doch fernab der homogenen Einheitsbrei-Schleuder Germany, stößt man beim genaueren Hinschauen auf wesentlich ausgewogenere und verhaltenere Informationsverarbeitungen. Erst neulich zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen westlichen Amtsträger, mit folgender bodennaher Evaluierung der Entwicklungen in Charkiw:

“ Derweil wird über die Hintergründe des russischen Truppenabzugs debattiert. Nichtsdestotrotz ist es militärisch gesehen wahrscheinlich, dass es eher ein vom Generalstab befohlener und genehmigter Rückzug war, als ein vollständiger Zusammenbruch. (…)

Offensichtlich sieht es wirklich dramatisch aus. Es ist ein enormes Gebiet. Doch hierbei müssen wir berücksichtigen, dass die Russen einige gute Entscheidungen getroffen haben, was die Verkürzung ihrer Linien und die Steigerung der Verteidigungsmöglichkeiten anbelangt. Dafür haben sie Territorium geopfert.“

Die niedrigen Verluste auf der russischen Seite, sprechen ebenfalls dafür, dass es sich nicht um eine von Panik ergriffene Flucht handelte, sondern bereits vor dem Angriff auf das Oblast, Charkiw, der taktische Rückzug eingeleitet wurde.

Zwar behauptet Kiew das tausende russische Soldaten entweder gefallen oder gefangen genommen worden seien, doch wie gehabt ohne das Narrativ mit verifizierendem Bild und Fotomaterial auszustatten. Das Selenskyj-Regime würde bei erster Gelegenheit ja wohl ohne mit der Wimper zu zucken tausende Kriegsgefangene öffentlich bloßstellen. Die Tatsache das die Vorführung dieser Trophäen bisher nicht stattfand, birgt widersprüchlichen Charakter.

Genauso verhält es sich mit den „Heerscharen getöteter russischer Soldaten.“ Auch hier besteht seitens Kiew eine offenkundige und explizite Kommunikationsbereitschaft. Sprich barbarische visuelle Darbietungen in denen Folter. Mord, Kriegsverbrechen und ausgeschaltete Feinde eine Hauptrolle spielen, werden kontinuierlich mit der Öffentlichkeit geteilt. Also falls tatsächlich wie geschildert mehrere russische Einheiten geradezu überrannt wurden, wo um Himmelswillen sind die Leichenberge hin? Vom Erdboden verschluckt? Ob dieser Ungereimtheiten tendiert man als objektiver Beobachter eher dazu, der russischen Version beizupflichten. Ergo Moskau hat den Braten gerochen und taktische und präventive Maßnahmen eingeleitet, ehe man in einen Hinterhalt gerät.

Angesichts der bevorstehenden Herbst und Winterperiode und damit einhergehenden wetterbedingten Widrigkeiten auf dem Schlachtfeld, ist es höchst unwahrscheinlich, dass Kiew sein fehlinterpretiertes „Momentum“ gleichmäßig aufrechterhalten kann.

Sobald General Schlamm und im direkten Anschluss General Winter in Erscheinung treten, sind großflächige Geländegewinne immer schwieriger, wenn nicht gar unmöglich zu bewältigen. Laut diversen Militärexperten wird die nächste Kriegsphase von demjenigen entschieden, der logistisch besser aufgestellt ist und dem jeweiligen Feind, trotz gehandicapter Infanterie, erheblichen Schaden beibringen kann.

Falken in Russland, die seit dem Abzug aus der Peripherie von Charkiw insistieren endlich kurzen Prozess zu machen, scheinen im Kreml allmählich Gehör zu finden. In den letzten 48 Stunden nahm das russische Militär vermehrt kritische Infrastruktur ins Visier. Darunter Wärmekraftwerke und Staudämme. Was in von der Ukraine gehaltenen östlichen Landesgebieten zu mitunter andauernden Stromausfällen führte.

Die Bombardierung eines Staudamms in Selenskyjs Geburtsstadt, Krywyj Rih, sei entgegen der allgemein eingetrichterten Auffassung nicht als Racheakt zu werten, wie der Moon of Alabama Blog jüngst unter Quellenverweisen erläuterte.

„Der Angriff auf den Damm erfolgte nicht aus Rache, sondern wird den Pegel des Flusses Ingulet in die Höhe treiben und dessen Strömung beschleunigen. Dies wird die Pontonbrücken der Ukrainer wegspülen. Die ukrainischen Truppen südlich des Flusses, werden von der Versorgungslinie abgeschnitten und sind leichter zu besiegen.“

Aus dem Syrien-Krieg sollten insbesondere westliche Politiker und Medien die Lehren gezogen haben, dass Geländegewinne Erfolgserlebnisse kurzweiliger Natur sein können. Und die jeweiligen Besatzungskräfte jederzeit damit rechnen müssen blitzartig umzingelt und annihiliert zu werden. Insbesondere wenn der Gegner über die notwendigen Mittel verfügt, um innerhalb weniger Stunden das gesamte Land in Schutt und Asche zu legen. Russland ist so ein Gegner.

Die bislang eher verhaltene und ruhige Gangart des Kremls, werten Viele als ein Zeichen von Schwäche. Nur weil Moskau bislang davon absah schwere Geschütze aufzufahren, wird blauäugig das dementsprechende Vermögen abgesprochen. Törichte Sichtweise bleibt da nur hinzuzufügen.

Zwischen den Zeilen zu lesen und die jüngsten Machtdemonstrationen des Kremls richtig zu deuten, ist die Aufgabe jeden Politikers, der tatsächlich an einer friedlichen Konfliktlösung interessiert ist. Nur von denen finden sich derweil recht wenige.

Inzwischen ist in Russland die Message mehr als angekommen, dass man sich mit der NATO im Krieg befindet und die Ukrainer lediglich das Kanonenfutter für diese Mission sind. Und die Mission ist laut den Amerikanern ganz klar Regimewechsel in Moskau.

Alteingesessene Neocons in Washington, erhoffen sich ein Afghanistan 2.0. Sprich eine Dekade lang Krieg, der nach Beendigung mit einem epochalen Machtwechsel aufwartet. Nach dem damaligen Abzug der Russen aus dem Hindu Kusch kollabierte die Sowjetunion. Russland ist seit jeher wie Phönix aus der Asche auferstanden und zur Energie und Weltmacht avanciert. In Afghanistan sind die Taliban back im Game.

Also der Kriegsschauplatz, auf dem die jeweiligen Akteure übereinander herfallen und wo ein vom Westen instigierter Regime-Change erfolgreich über die Bühne geht, ist dem ewigen Untergang geweiht. Siehe Irak, Libyen, etc. Einst prosperierende Länder, heute lodernde Höllenlöcher.

Wenn schon einige US-amerikanische Kriegstreiber Parallelen zwischen Afghanistan und der Ukraine ziehen, dann sollten sämtliche Aspekte in Augenschein genommen werden. Was auch die langwierigen Folgen von Militärinterventionen beinhaltet.

Die Ukraine in ihrer Daseinsform vor dem 24.Februar 2022, war einmal. Die Kräfteverhältnisse sind klar definiert. In diesem Winter wird der Kreml voraussichtlich sowohl an der ökonomischen, als auch wirtschaftlichen Front einige entscheidende Schläge versetzen. Und nicht zuletzt weil der Gegenwind daheim zunehmend ungemütlicher wird. Die russische Regierung erntet derweil massive Kritik, ob ihrer „zurückhaltenden“ Kriegsführung und ist sofern dazu angehalten für proaktive Entkräftung zu sorgen. Wenn der Rücken letztendlich die Wand erreicht hat, gibt es kein zurück mehr und der Kreml muss handeln. Die Stunde der Hardliner hat geschlagen. Keine gute Verheißung. Von hier an führt die Gewaltspirale nur noch abwärts. Aber schickt nur weitere Waffen, bis die West-Ukraine gänzlich pulverisiert ist.

Aut.R.R.

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