Deutscher Brigadegeneral a.D. : „Russen haben vollendete Tatsachen geschaffen, werden besetzte Gebiete nie wieder verlassen.“ „Großoffensive der Ukrainer unmögliches Unterfangen.“ (Video)

Der Nachrichtensender, nTV, interviewte unlängst den Brigadegeneral a.D., Erich Vad. Dessen Meinung zum Ukraine-Konflikt sich von gewöhnlichen homogenen Analysen deutlich abfärbt. Weswegen wir uns dazu entschlossen, die unseres Erachtens nach im Mainstream weitgehend ausgeblendeten Gesichtspunkte des Gesprächs zu transkribieren.

Zur Phantom-Großoffensive der Ukrainer sagte Vad:

Man muss natürlich schauen wie die Kräfteverhältnisse sind. Ich gehe fest davon aus, dass das unmöglich ist. Auch zum jetzigen Zeitpunkt. Das die Ukraine mit einer großen Offensive über letztlich den Dnjepr hinaus nach Süden vorstößt und die Krim befreit, sozusagen aus ihrer Sicht, das sehe ich nicht. Das ist einfach von den militärischen Möglichkeiten total überzogen. Aber es ist natürlich eines der politischen Kriegsziele der Ukraine, die man jetzt sehen muss.“

Den Mythos entkräftend dass Kiew die alleinige Entscheidungsgewalt habe, was die Beendigung der Kampfhandlungen anbelangt erörterte der General ausführlich:

Na ja das ist natürlich nicht so einfach von der Hand zu weisen. Aber ich muss ehrlich sagen diplomatisch-politische Verhandlungslösungen, ist das einzige was funktionieren wird. Und irgendwann kommen die auch. Man kann diesen Krieg verlängern mit Waffenlieferungen. Ohne Frage. Man kann einen Frozen Conflict weiter alimentieren. Man kann noch jahrelang Krieg führen, durch Waffenlieferungen. Aber man wird an den bestehenden Kräfteverhältnissen nicht großartig was verändern. Wir müssen das tatsächlich in einen politischen Prozess hineinbringen. Ich muss sagen ich gehöre nicht zu denen, die sagen „Russland ist nicht verhandlungsfähig“. Russland hat mit den Vereinten Nationen, Guterres persönlich, Erdogan als türkischer Präsident, sie haben das Getreideabkommen ausgehandelt. Das erste Schiff ist in Dschibuti angekommen. Das rettet Millionen von Menschenleben. Das war ein internationales Abkommen, mit Beteiligung Russlands. Auch mit der Beteiligung der Ukrainer. Das zeigt auch, dass Ukrainer mit Russen verhandeln können ,wenn sie denn tatsächlich wollen, oder wenn sie dazu gedrängt werden. Wir haben gleichzeitig ein Wirtschaftsabkommen Russlands mit der Türkei. Die Türkei ist der zweitgrößte NATO-Partner, von eminenter strategischer Bedeutung für die NATO. Die Türkei führt auch Krieg in Nachbarländern. Irak und Syrien mit militärischer Beteiligung. Wir haben also tatsächlich die Fähigkeit auch der Russen zu verhandeln. Und wir müssen auch irgendwann verhandeln. Das ist für mich wichtig, weil diese Waffenlieferungen haben einen Sinn, Sie haben einen Sinn, dass die Ukraine letztlich nicht untergebuttert wird. Das sie nicht einen Diktatfrieden erleiden muss. Das hat für mich einen Sinn. Auch der Kampf der Ukrainer. Aber eine Perpetuierung dieses Kriegszustandes ist sinnlos, wenn man es nicht politisch irgendwann steuert. In Moment fehlt mir diese politische Steuerung. Und es muss auch letztlich Aufgabe der deutschen Außenpolitik sein, diesen Konflikt in Verhandlungen zu überführen. Es reicht nicht aus, nur auf Waffenlieferungen zu setzen. So wichtig sie auch sind. Aber alleine das reicht nicht, perspektivisch, um da raus zu kommen.

Nachdem er insistierte, dass nicht nur die Russen, sondern sämtliche Parteien es vergeigt haben eine Beilegung auszuhandeln, konstatierte Vad realitätsnah:

Jetzt haben die Russen vollendete Tatsachen geschaffen. Jetzt kann man noch fordern, die müssen raus aus dem Donbass, aus der Krim, von der Schwarzmeerküste. Das ist völkerrechtlich berechtigt, ist aber weit weg von der Realität. Die Russen werden da nicht rausgehen. Das sind jetzt die Facts & Figures die geschaffen sind und man wird perspektivisch einfach das in Rechnung stellen müssen. Wenn man denn verhandeln möchte. Im Moment ist die Bereitschaft wenig ausgeprägt. Das liegt aber auch daran, dass in den USA im Moment zu wenig Bewegung ist. Viele schauen ja auch nach Washington mit recht. Und die Europäer spielen da ja auch nur eine Randrolle. Ich würde mir wünschen wenn die Europäer, gerade Deutschland, Frankreich. So wie wir es auch nach der Annexion der Krim hatten, wo die damalige deutsche Bundeskanzlerin auch versucht hat das in einen politischen Prozess zu bringen. Der ist gescheitert. Partiell. Aber auch nicht nur wegen der Russen, auch wegen der Ukrainer. Man muss wieder einen neuen politisch-diplomatischen Impuls da rein bringen. Das halte ich für sehr wichtig. So zentral Waffenlieferungen auch bleiben, das muss dazu kommen. Und das fehlt mir.

Bedauerlicherweise bekommen insbesondere hierzulande viel zu wenig kritische Stimmen Air-Time. Zwar gibt man vereinzelten Gegenmeinungen eine Plattform, doch regen diese mitnichten zur Steigerung der Lernkurve an. Das heißt die starre Meinungsmache verharrt an Ort uns Stelle. Keine Spur von Demut und Einsicht.

Wie etwa zumindest die Possibilität einzuräumen, dass man im Eifer des Gefechts womöglich sich selbst erheblich überschätzt und den Gegner eklatant unterschätzt hat. An dieser Stelle kann nur spekuliert werden, ob manche blutrünstigen Kriegstreiber etwaig einer Verwechslung aufgesessen sind. Einige scheinen der festen Überzeugung, dass man Vladimir Putin, wie Saddam oder Gaddafi, im Handumdrehen aus dem Verkehr zieht. Einfach ein paar dahergelaufene „Gotteskrieger“ im Nazi-Gewand zusammentrommeln und bewaffnen und der strategische Sieg ist in trockenen Tüchern. Weit gefehlt.

Diejenigen die der Auffassung sind, dass Moskau nach diesem Winter die einverleibten nunmehr russischen Hoheitsgebiete abgetreten haben wird, der glaubt auch daran das Biden seine zweite Amtszeit bekommt. Fantasie. Destruktives Wunschdenken.

Am Ende des Tages enden Kriege oder Konflikte nur am Verhandlungstisch. Und je länger man jene unweigerliche Abfolge hinauszögert, desto mehr Menschen werden sterben. Wie der oben zitierte General a.D. es ausdrückte: „Jetzt haben die Russen vollendete Tatsachen geschaffen.“ Ohne diese neue Realität zum Gegenstand von Friedensverhandlungen zu machen, wird kein gemeinsamer Nenner gefunden.

Unten finden Sie den Link zum Interview mit General a.D., Erich Vad.

https://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Muessen-uns-ueber-unsere-Sicherheit-massiv-Sorgen-machen-article23558375.html

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