Idlib: Al-Qaida auf dem Vormarsch- Ist die Türkei der Strippenzieher der HTS-Offensive?

Während die Vereinigten Staaten weiterhin utopische Bedingungen an den angekündigten US-Abzug aus Syrien knüpfen und NATO-Partner und stellvertretende kurdische Milizen vor den Kopf stoßen, hat die Al-Qaida im Norden Syriens diverse unterlegene rivalisierende Islamisten-Fraktionen von der Landkarte getilgt.

Die von der sich zuspitzenden Lage in Manbij begünstigte Gebietserweiterung der Hayat-Tahrir al-Sham (HTS, Al-Nusra, Al-Qaida), wird mitnichten von Mainstream-Medien und westlichen Regierungsvertretern thematisiert.

Obwohl die HTS derweil mit massiver Aggressivität einen um den anderen vermeintlich “moderaten” Rivalen aus dem Spiel räumt, und somit ein weitreichendes extremistisches Machtgefüge konsolidiert wird, verstummen die angeblichen “Anti-Terrorismus-Experten” und versäumen es diesbezüglich Alarm zu schlagen.

Nicht das man als aufgeweckter mit der Lage vertrauter Beobachter nicht angetan wäre, das Terroristen-Kollektive untereinander Jagd aufeinander machen und sich gegenseitig eliminieren.

Hingegen sprechen wir hier von dem altgedienten Weggefährten des Islamischen Staats. Die HTS und die ISIS sind vom selben Schlag. Die Konfrontationen zwischen dem einst mächtigsten Terror-Tandem in Syrien, rührten von korrupten Macht und Gebietsansprüchen her.

Kurz gesagt jeder wollte das Sagen haben. Ansonsten kann man die beiden Entitäten schwer auseinander halten. Die Similaritäten sind zu prägnant. Scharia; Selbstmordattentäter; öffentliche Hinrichtungen; mittelalterlicher Strafvollzug; Dissidenten und Andersdenkende Muslime nach dem Leben trachten. So in etwa gestaltet sich die Doktrin der beiden aus dem Irak importierten Gruppierungen.

Wie bereits erwähnt ist die HTS in die Offensive gegangen um ihre Vormachtstellung zu festigen, und macht kurzen Prozess mit althergebrachten Erzfeinden.

Nachdem die Kindermörder der Noureddin al-Zenki in West-Aleppo von der HTS annihiliert wurden, musste inzwischen der zweite Klon der Al-Nusra dran glauben.

Die Ahrar al Sham sah sich ebenfalls nicht in der Lage dem konkurrierenden Terroristen-Verband im Nordwesten von Hama entgegenzuwirken, und musste nach kurz aufflammenden Gefechten klein beigeben.

Beide dschihadistischen von der HTS in ihre Schranken gewiesenen Milizen, sind vor geraumer Zeit in ein von der Türkei geschaffenes Militanten-Konstrukt eingegliedert worden.

Ankara versucht die Übersicht in dem Dschihadisten-Irrgarten nicht zu verlieren, und hat diesbezüglich Maßnahmen ergriffen. Wie beispielsweise die Zentralisierung von unzähligen militanten Gruppierungen.

Daraus erwuchsen dubiose Divisionen die auf die Namen “Syrische Nationalarmee” oder “Nationale Befreiungsfront (NLF) “hören. Die beiden indes demütig geschlagenen oben erwähnten HTS-Erzrivalen, schlossen sich im vergangenen Jahr der türkisch gestützten NLF an.

Was offenbar nicht wie vermutlich zuvor von der Al-Zenki und Ahrar al-Sham angenommen, das gegenwärtige Szenario verhinderte. Ankara hat seit der Aufrüstung um Manbij und der kohärenten Entsendung des Gros seiner militanten Heerscharen aller Coleur, offenbar einige seiner stellvertretenden “Rebellen” den Löwen zum Frass vorgeworfen.

Auch im Süden Idlibs sind türkisch gestützte Dschihadisten dem Untergang geweiht. Vieles spricht dafür das der Al-Qaida-Spross gewisse strategische Städte in der südlichen Provinz von Idlib unter seine Kontrolle bringen wird, um zwei regionale Hauptverkehrsadern zu besetzen.

Obwohl der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdogan, in seinem jüngst von der New York Times veröffentlichten Beitrag, die Al-Qaida in Verbindung mit verheerenden Anschlägen in der Türkei hervorhob, schert es Ankara anscheinend nicht im geringsten das die HTS im Norden-Syriens entlang der türkisch-syrischen Grenze metastatisch auswächst.

Weshalb verhält sich die Türkei so neutral und lässt den Al-Qaida Ableger unbehelligt vorrücken um nebenher türkisch-gestützte Elemente zu dezimieren? Steckt hinter der türkischen Passivität ein größerer Plan?

Brennende Fragen die zu der Annahme führen, ob Ankaras Kalkül hinter den suspekt schnellen militärischen Erfolgen der HTS steckt. Dieser Meinung ist das oppositionelle online-Portal Enab Baladi, das eine aufschlussreiche sich mit dem rapiden HTS-Vorstoß befassende Analyse veröffentlichte.

Laut dieser käme die Offensive der Hayat Tahrir al-Sham nicht von ungefähr und sei sorgfältig geplant worden. Was hinsichtlich der großangelegten in die Region entsendeten Verstärkung belegt würde. Die einstige Al-Nusra habe im Vorfeld des Angriffs auf ihr Primärziel, Noureddin al-Zenki, verkündet das sie Letzteren vollständig eliminieren wolle. Nicht wie in vorherigen Konfrontationen zwischen den ehemaligen Weggefährten die zumeist mit Vereinbarungen und Kompromissen ein Ende gefunden hätten, so das Portal.

Desweiteren hieß es das die Tatenlosigkeit der Türkei die Anstrengungen der HTS beflügelt habe. Dem Portal zufolge sei Ankara vermutlich der “Strippenzieher” hinter dem Szenario.

Laut Enab Baladi hätten Fraktionen der türkisch gestützten NLF sich in die Konfrontationen gegen die HTS eingeschaltet, darunter die “al-Sham-Legion” die zunächst als entscheidend eingestuft worden sei, hingegen jegliche militärische Präsenz vermissen lassen habe. Seitens der Al-Sham Legion bestünde kein wirkliches Interesse sich mit dem dominanten Taktgeber anzulegen.

Das Portal zitierte unbenannte Quellen aus Militärkreisen, die sagten das die Außenposten und Hochburgen der Al-Sham-Legion nicht von der HTS angegriffen worden seien, da Ersterer sich für eine Strategie der Neutralität entschieden habe.

Die Analyse warf eine Frage auf. Wird es zum Showdown zwischen der HTS und der Al-Sham-Legion kommen.

Letzterer habe seit dem Blitzkrieg gegen die Al-Zenki das Zepter in der türkisch gestützten Nationalen Befreiungsfront (NLF) übernommen, und gehe somit als Gewinner der HTS-Operation hervor, während die Al-Zenki der eindeutige Verlierer sei. Laut einem von dem Portal zitierten FSA-Kämpfer habe der Angriff der Al-Nusra zwei Ziele. Die Eliminierung der Al-Zenki und der Machterhalt ausschließlich zweier Entitäten in Nord-Syrien, die HTS und die NLF.

Der Moon of Alabama Blog ließ in Bezug auf den Jihadi-Konflikt verlauten:

“Die HTS kontrolliert jetzt alle Gebiete in unmittelbarer Nähe zur Türkei, und zum türkisch kontrollierten Afrin. Sie stellt anderen Gruppierungen in Idlib Ultimaten, und fordert zusätzliche Kontrolle über die Städte Maarat al-Nu’man und Ariha im Süden des Gouvernements. Da keine der anderen Gruppierungen der HTS Widerstand leisten kann, wird sie wahrscheinlich zeitnahe diese Städte kontrollieren. Die Einnahme der Städte verschafft der HTS volle Kontrolle über die M4 und M5 Verbindungsstraßen. Die Kontrolle über die Verbindungsstraßen kann dafür genutzt werden Geld zu generieren, und als Gegenstand für zukünftige Verhandlungen herhalten.

Das Astana-Abkommen zwischen Russland und der Türkei in Bezug auf Idlib schrieb vor das die HTS 15 Meilen von den Gebieten die von der Regierung gehalten werden zurückgedrängt würde. Die M4 und M5 Verbindungsstraßen würden für den Verkehr der Regierung wiedereröffnet. Die Türkei sollte diese Punkte umsetzen und garantieren. Nicht einer dieser Punkte ist erreicht worden. Die in sechs Beobachtungsposten um Idlib stationierten türkischen Soldaten sind Geiseln der HTS. Da die Türkei versagte ihre Versprechen zu halten haben Syrien und Russland jedes Recht die Vereinbarung zu ignorieren, die HTS anzugreifen und Idlib zu befreien.”

Das Nachrichtenportal Southfront berief sich auf den Direktor der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), Rahmi Abdel Rahman, der gegenüber dem saudischen Nachrichtensender Al-Arabiya-TV äußerte, das die Türkei für die HTS-Angriffe gegen die eigenen Stellvertreter in Nordwest-Syrien verantwortlich sei .

Ankara habe weder Anstalten gemacht um die NLF während Angriffen der Hayat Tahrir al-Sham zu verteidigen, noch die Verbrechen der radikalen Gruppierungen verurteilt. Laut dem Portal seien dies die schlüssigsten Argumente, die Abdel-Rahmans Behauptungen unterstützen würden.

“Die HTS und die Dschihadisten-Gruppierungen kontrollieren jetzt 80% von Idlib., der westlichen Provinz Aleppos , der nordwestlichen Provinz Hamas, und von Lattakias Bergen …Die HTS hätte ohne die Genehmigung des türkischen Geheimdiensts es niemals gewagt in Regionen einzufallen, wo türkische Fraktionen präsent sind,” so Abdel-Rahman zu Al-Arabiya-TV.

Southfront wies zudem darauf hin, das in Verbindung mit der HTS-Offensive russische Kräfte neue Stellungen in der Umgebung von Idlib bezogen haben, und die syrische Armee ebenfalls damit begann zusätzliche Kräfte in Gebiete um das nördliche Gouvernement zu entsenden.

All diese Entwicklungen würde oppositionellen Aktivisten erlauben zu spekulieren, das die Türkei konspiriere um Idlib an die HTS zu übergeben und daraufhin ihre Truppen aus dem Gouvernement abzuziehen.

Dies würde das Gesicht der Türkei vor ihren Militanten wahren und im Gegenzug den Weg für Russland und seine Alliierten freimachen, um die HTS anzugreifen und ihre Präsenz in Syrien zu beenden.

Verf.R.R.

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